XXX - Blut, Glut und Schwesternschaft - Das Siegel des Vollmondes

Es ist eine laue Nacht im späten Sommer. Im gleichmäßigen Takte einer Rassel nähern sich neun Frauen der kleinen Lichtung im dunklen Tannenwald. Langsam legen sie ihre wallenden Umhänge ab. Ihre bleichen nackten Körper leuchten im kühlen Scheine des strahlenden Vollmondes. Schnell entzünden sie ein kleines Feuer. Die älteste Frau löst sich aus der Gruppe. Abseits im tiefen Dunkel stehend gibt sie nun mit der Rassel das Tempo an.

Der Tanz und die Geißelung

Immer schneller tanzen die Frauen um das Feuer. Der Rhythmus der Rassel wird hart und unerbittlich. Die Frauen greifen nach den fest gebundenen Reisigbündeln aus Birken- und Tannenweiden. Es ist kein Akt der Grausamkeit, sondern eine rituelle Reinigung, um den Geist durch den Schmerz des Körpers zu befreien. Mit schwingenden Bewegungen lassen sie die Ruten auf die nackte Haut der anderen niederfahren.

Das Klatschen des Holzes auf das feuchte Fleisch vermischt sich mit dem Knistern des Feuers. Wo die Ruten die Rücken, Brüste und Schenkel treffen, zeichnen sich erst weiße, dann tiefrote Striemen ab, bis blutige Streifen die Haut zieren. Der Schmerz schlägt in Ekstase um; jede Schramme ist ein Siegel der Zugehörigkeit. Ein junges Mädel tritt aus dem Kreis, lässt sich vor dem lodernden Feuer nieder. Die anderen Frauen tanzen mit wiegendem Becken über das Mädchen hinweg. Die Rassel verstummt und sieben Hexen setzen sich im Kreis um das jungfräuliche Mädchen.

Die Weihe der Sinne

Langsam bewegen sich wohlgeformte Hände mit langen Fingern auf den heißen Körper des Mädchens zu und berühren dessen volle Lippen, die üppige Brust und die Scham. Das Mädchen kreist erregt mit seinem Unterleib. Ermuntert durch die Begierde der jungen Aspirantin gleitet nun eine Hexe nach der anderen mit ihrem Körper über sie hinweg. Siebenmal das gleiche lustvolle Ritual. Jede der Wollüstigen verbirgt ihr Gesicht an der Haut des Mädchens, küsst sie, genießt Geruch und Geschmack und bewegt sich höher. Die Brüste der Frauen treffen sich; jeweils die obere bietet der jungen Frau Mund und Körper zum Kusse.

Das Sakrament der Säfte

Die Rassel setzt wieder ein und alle Frauen tanzen erneut um das Feuer. Immer ekstatischer werden die Bewegungen. Dann ein Wirbel der Rassel und tiefe Stille liegt über dem Platz. Die Alte reicht dem Mädchen eine hölzerne Schale und einen wohlgeschärften Dolch. Das Mädchen ritzt sich die Haut der gerade erblühten Brust; einige Tropfen roten Blutes rinnen in die Schale. Danach führt sie die Schale zur lüsternen Scham. Leuchtend gelber Körpersaft läuft nun in das durstige Gefäß. Schließlich spendet sie noch einige Tropfen ihres Speichels.

Unter langsamem Rhythmus der Rassel macht die Schale nun die Runde. Jede der Hexen nimmt einen Schluck der aphroditischen Mixtur und jede verfährt ebenso wie das Mädchen. Mehrmals kreist das Gefäß und immer erregter werden die Frauen. Eine bietet der anderen ihren Mund zum Kusse, eine spürt der anderen Brust oder Scham. Es ist eine alchemistische Hochzeit der Körperflüssigkeiten. In diesem Moment sind sie ein einziger, pulsierender Organismus aus Fleisch und uralter Magie.

Das Siegel des Feuers

Die Rassel wirbelt ein letztes Mal, das Feuer verlöscht. Neun Hexen tanzen mit nackten Füßen durch die glühende Glut. Die Hitze unter ihren Sohlen ist der letzte irdische Schmerz, der sie bindet. Ein letzter Ton der Rassel, dann sinken die Schwestern erschöpft in das feuchte Moos. Die Kühle des Waldes trinkt ihren Schweiß und ihr Blut.

In der einsetzenden blauen Stunde legen sie schweigend ihre Umhänge wieder an. Der schwere Stoff verbirgt die Striemen und die Spuren der Nacht, doch die Haut darunter brennt noch immer von der Macht des Bundes. Sie verlassen die Lichtung nicht als dieselben Frauen, die sie betreten haben.

Epilog: Das neue Erwachen

Am nächsten Morgen bricht die Sonne durch das Fenster des Mädchens. Sie tritt vor den Spiegel und sieht die roten Runen auf ihrer Haut – Zeichen einer neuen Identität. Später am Brunnen weicht sie keinem Blick mehr aus. Die Männer spüren die unbändige, alte Kraft, die nun aus ihr strahlt, und senken beschämt das Haupt.

Auf dem Markt begegnet sie einer der älteren Frauen. Kein Wort fällt, doch ein kurzes, wissendes Aufblitzen in den Augen besiegelt den Bund. Die Welt sieht in ihr nur ein einfaches Mädchen, doch sie trägt nun das lodernde Feuer der Neun in sich. Sie ist der Wald. Sie ist das Blut. Sie ist die Ewigkeit.

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