xxx - Das Purpur-Siegel - Gunhilds Flug in die Schatten

Die Saat des Wissens

Gunhilds Sehnsucht nach den verborgenen Pfaden war kein flüchtiger Einfall, kein bloßes Spiel mit dunkler Ästhetik, wie es junge Frauen in der Rebellion der Pubertät oft pflegen. Es war vielmehr ein tiefes Erwachen, ein instinktives Erkennen, das in den Winkeln ihrer Seele nistete, seit sie als Kind die ersten Schatten im herbstlichen Wald gedeutet hatte. Während andere in ihrem Alter sich der Welt der Logik und der greifbaren Dinge zuwandten, spürte Gunhild ein Ziehen im Blut, eine Resonanz mit dem Unaussprechlichen, die sie als die Intuition einer Hexe begriff. Diese Gewissheit wuchs mit jedem Jahr, nährte sich von der Stille der Nächte und dem Flüstern des Windes, bis sie zu einem unumstößlichen Teil ihres Seins wurde.

Besonders seit dem Tag ihrer ersten Menstruation, als sie zum ersten Mal die zyklische Kraft des Blutes in ihrem eigenen Körper spürte, wurde der Wunsch, sich endgültig als Hexe zu initiieren, zu einer alles verzehrenden Gewissheit. Dieses monatliche Fließen war für sie kein lästiges Übel der Natur, sondern ein heiliges Zeichen, ein rhythmisches Pochen der Urkraft, das sie untrennbar mit den Phasen des Mondes und den verborgenen Strömungen der Erde verband. Oft glitt ihre Hand in diesen Tagen fast wie von selbst zwischen ihre Schenkel, um die feuchte Wärme ihres eigenen Blutes zu suchen. Mit einer fast andächtigen Geste benetzte sie ihre Lippen mit dem purpurfarbenen Saft ihrer Periode, schmeckte das Eisen und das Salz ihres eigenen Lebensstroms und fühlte sich dadurch erst wahrhaftig mit den Mächten der Natur verbunden.

Die Alchemie der Nachtschatten

Die Suche nach der sagenumwobenen Salbe glich einer heiligen Pilgerfahrt durch vergilbte Schriften und verborgene Archive. Sie dürstete nach jener visionären Ekstase, von der die Chroniken der Verfolgung berichteten – nach jenem Flug, der die Fesseln der irdischen Schwere sprengte. Als sie schließlich auf jenen einen Bericht stieß, der die Geheimnisse der Zusammensetzung unverblümt preisgab, gab es kein Zögern mehr. In ihrem Geist brannte das Bild der Vollkommenheit, das nur durch die Erfahrung des Rausches erreicht werden konnte. Mit kühler Entschlossenheit leitete sie die Schritte ein, um das Unsichtbare materiell werden zu lassen. Sie bestellte die finsteren Gaben der Natur bei einem jener Händler, die das Wissen um die Gifte im Verborgenen bewahren. Tollkirsche und Bilsenkraut, Namen wie Beschwörungen, waren nun nicht mehr länger nur Worte auf Papier, sondern die Bausteine für ihr baldiges Schicksal.

Die Zeit bis zum Eintreffen des Päckchens nutzte sie mit einer fast rituellen Hingabe. Sie suchte den nahen Kiefernwald auf, wo das Licht nur spärlich durch das dunkle Nadelwerk drang und der Boden nach feuchter Erde und Verfall roch. Dort, im Halbschatten der Bäume, spürte sie die Präsenz der Fliegenpilze auf, deren leuchtendes Rot wie ausgestreute Glutnester im fahlen Unterholz wirkte. Vorsichtig erntete sie die fleischigen Hüte, um sie später daheim in der Stille ihres Zimmers zu trocknen, bis sie ihr Aroma und ihre konzentrierte Kraft entfalteten. Das für die Salbe notwendige Fett fand sie bei einem heimlichen Besuch im Kühlschrank ihrer Mutter – ein schlichtes Gefäß mit Schweineschmalz, das sich in ihren Augen zu einer kostbaren Alchemie wandelte.

Wie es mit Gunhild weiter geht erfahrst du in den vorgestellten Büchern.

Kommentare